Der bärtige Alemanne

  • Hallo liebe BrüderINNEN und Brüder,


    Wir schreiben das Jahr 1942 nach Plinius dem Älteren, seines Zeichens römisch kaiserlicher Naturforscher unter Kaiser Vespasian 75 Jahre n. Chr. ...


    Meine Heimat, Lacus Raetiae Brigantinus, erleidet in jüngster Zeit eine neue Form der Bedrohung.
    Aber spulen wir etwas zurück:
    In den letzen Jahren, oder lassen wir es Dekaden sein, hat sich vermehrt eine kleine unscheinbare Bedrohung etabliert.
    Kleine Kugeln, getarnt als internationales Menü von teilweise erstaunlicher Qualität, fanden sich an meinen Restaurants und Rastplätzen ein.
    Die meisten davon waren auch wirklich ein bekömmlicher Happen.


    ABER: mitten unter die feinen Häppchen mischten sich einzelne mit überaus diabolischen Fähigkeiten.
    So sah man dann plötzlich Verwandte, Freunde und Bekannte nach deren Genuss wild um sich schlagend verschwinden. Die meisten auf Nimmerwiedersehen!
    Einzelne, die sich aus den apokalyptischen Fängen befreien konnten, erzählten schaurige Geschichten und Nahetoderfahrungen.
    So ist es nicht verwunderlich, dass unser Volk sich mehr oder weniger einig ist,
    diese doch überaus Wohlschmeckenden Menühäppchen fortan zu meiden - ein paar wenige schwarze Schafe ausgenommen.


    So lässt es sich mit ein wenig Verzicht auf Kulinarik doch ganz anständig, sorgenfrei und gefahrlos leben.


    Bis jetzt!


    In jüngster Zeit häuften sich Gerüchte, dass eine unserer Lieblingsspeisen, und zwar Dulcis Furmentum, plötzlich ähnliche diabolische Züge aufweisen würde.
    Das konnte ich nicht glauben,


    bis...


    ...ja bis eben gestern!


    Ich denk mir nix Böses, nehm gerade das Abendmahl - eben Dulcis Furmentum - ein, da piekt mich was in die Unterlippe.
    Im ersten Schrecken nehm ich ein Satz und spüre auch gleich so ein komisches Ziehen in der Lippe.
    Was ist denn jetzt los?


    Etwas unschlüssig verlasse ich das Restaurant.
    Auf dem Heimweg reißts mich plötzlich aus den Gedanken.
    Irgend eine unsichtbare Kraft zieht mich vom Weg.
    Ein paar Mal versuche ich, mit aller Kraft dagegen zu halten und ich freute mich auch schon, dass es gelang,
    aber egal, wie sehr ich mich bemühte, es zog mich immer wieder zurück.


    Da schoss es mir!
    Es wird doch nicht diese diabolische Kraft sein?!


    Meine schlimmste Befürchtung wurde wahr - es war sie!
    Innerlich schloss ich gerade mit meinem Leben ab.


    Plötzlich umschließt mich eine dunkle Hülle!
    Ich werde aus dem Element gehoben, ringe um Luft!


    Und da seh ich ihn!!!


    Ein bärtiger Alemanne steht mir gegenüber - ich glaub fast dreimal so groß wie ich!
    OmG!
    Ich wünschte ich wär schon hinüber!


    Aber irgendwie passte es nicht zu den Horrorgeschichten, die ich sonst gehört hab.
    Ich kann mich nur mehr daran erinnern, dass ich sanft hochgehoben wurde,
    dann ein kurzes grelles Licht und


    Platsch!


    war ich wieder zu Hause.




    Hab ich das etwa nur geträumt?



    Nein!
    In der Lippe spür ich noch was, aber es zieht nicht mehr.


    Aus meiner Erinnerung male ich dieses Bild vom bärtigen Alemannen:


    Das ist er, ein hässliches Monster oder?


    598f5e6daf184.jpg




    Schöne Grüße
    vom Cyprinus Carpio bodensis, 66cm, 6kg
    §$

  • Eine Super Story!!!
    Besten Dank; herrlich zu lesen 8)



    PS:
    Lieber Cyprinus, eine wahrhaftig schaurige Horrorvorstellung die du erleiden musstest-
    Bei dem Alemanischen Monster hätte ich mir jedenfalls in die Schuppen gemacht.

    LG, Ercan





    „Wissen ist eine der ganz wenigen Ressourcen, die sich vermehrt wenn man sie teilt."

  • ..oder umgekehrt ?


    Du hast ja eindeutig schriftstellerische Begabungen und ich muss eingestehen, dass ich mich zu Beginn nicht recht ausgekannt habe und erst allmählich den feinen -umgekehrten-Sinn begriffen habe!
    Eine Geschichte der Sonderklasse !


    LG von Stefan


    PS.: Also, das Ziehen an der Lippe wird schon noch etwas länger angehalten haben, da bin ich mir recht sicher.

  • Servas Jürgen,


    eine sehr coole Idee die Sichtweise mal umzudrehen ... genial !! 8) 8)



    dickes Petri zum schönen Maiskörndl-Carpio §!

    LG
    Reinhard


    "Wenn der Lebensraum ausreichend ist, dann wächst jedes Jahr zu, und wenn man das mäßig und bescheiden nutzen will, dann reicht das."


    Stefan Guttmann

  • Wow ich bin ganz weg.
    Vor wenigen Tagen habe ich noch erwähnt, man kann auch den Fang eines Durchschnittskarpfen schreiberisch total ausschmücken, und schon hast Du es gemacht, und zwar in einer absolut genialen Weise.


    Auch die Jahreszahl am Anfang ist total spannend !


    Danke Dir Julius für diese tolle Lektüre.


    Und damit auch das nicht unerwähnt bleibt. 6 Kilo ist schon eine sehr sehr gute Beute.


    Genauso sah mein erster Zweistelliger als Teenie aus. (Man sagte damals, da es praktisch nur deutsche Angelbücher gab, die Gewichte in deutschen Pfunden, also 12 Pfund. Und da war alles über 10 Pfund "zweistellig". Übrigens, Fische scheinen so wie Menschen zu wachsen. War früher ein Mann mit 1,80 ein Riese, so ist das heute Durchschnittsgröße. Früher stand man mit einem 6 Kilo Karpfen mit Bild und Namen in der Fischerzeitung, heute muss es schon ein doppelt so schwerer sein glaube ich.

  • Ich hab diese Geschichte "gefressen" lieber Julius!


    Sehr originell aus der Sicht des "Opfers".


    Plinius und sein Onkel haben sogar ein bisserl mein mein Schullatein "revitalisiert".


    Plötzlich ist mir alles wieder eingefallen,mit den genauesten Beschreibungen des Vesuvausbruches 79 n.Chr. und soweiter.


    Ich hatte einen strengen Lateinlehrer und war recht gut darin,Du anscheinend auch....


    LG


    Bernhard

  • Vielen Dank liebe Leute,
    freut mich, dass die Geschichte gefällt.
    Hab mich bemüht, eine Geschichte für "Denker" zu schreiben,
    die dann auch verstanden werden will - und wurde.


    @Gerhard:
    Was die Jahreszahl betrifft, die Herleitung beruht auf der
    römischen Geschichte von Brigantium = das römische Bregenz.


    Ob der Fisch jetzt 6kg oder was auch immer hatte ist mir eigentlich egal.
    Er hat mir Freude bereitet und das zählt.
    Unter uns gesagt war das aber schon ein riesen Vieh für meine Verhältnisse.



    @Bernhard:
    Ja den Pliniussen und ihrer Geschichtschreibung bin ich auch verfallen.
    Das ist vielleicht mein Link zwischen Bodensee und Neapel und hat
    mich schon an den Vesuv, Pompej, Solfatara, Vulcano, Stromboli usw. geführt.
    Nur Latain hatte ich nie...
    Einzig die Naturkundebücher, die ich seit ich lesen kann verschlinge,
    sind meine Latainquellen und was ich halt sonst von meinen Professoren
    aufschnappen konnte.



    Schönen Gruß