Das Urvieh aus der Tiefe

  • Endlich war es wieder soweit, meine heiß erwartete Italienwoche stand an und ich freute mich extrem auf eine die Zeit der Ruhe in der Natur.


    Leider hat mein Freund abgesagt und sonst ließ sich kein anderer finden, also stieg ich alleine ins Auto und brauste Richtung Cremona in ein Camp mit nur 6 Booten und einem supernetten Kärntner, der dort immer höflich und zuvorkommend alle gut unterstützt.


    Es ist immer wieder berauschend am Damm zu stehen und das erste mal den großen Fluss zu bestaunen.

    Oft liegt das Wasser tagelang glatt und ohne Bewegung vor dir und es ist kaum vorstellbar welch Fischreichtum da vorhanden ist und welche riesigen Bullen da auf Nahrung aus sind.


    Nach dem Besteigen und Beladen des Bootes ging es aufs Wasser, angeheitzt von den Fängen der letzten Woche, denn es gab viel Aktivität am Wasser und es wurden einige schöne Welse gelandet.

    Das ist am Po absolut nicht selbstverständlich, wer denkt dort fängt man leicht einen Wels irrt sich gewaltig.

    Da sind schon ganze Horden an (guten) Anglern nach einer ganzen Woche wieder heimgefahren ohne auch nur einen Biss bekommen zu haben.

    Der Wels ist 80-90% seiner Lebenszeit völlig inaktiv, liegt nur ab und verdaut seine Nahrung oder wartet auf die richtige Zeit zum Fressen.


    Und er ist nur schwer aus der Reserve zu locken. Ein Zander oder Hecht dem man einen Köderfisch direkt vor die Nase hält ist fast immer zu aktivieren.

    Ganz anders der Wels, den bringt nichts aus der Ruhe.


    Nur wenn ein Köderfisch stundenlang über ihm herumtanzt schnappt er manchmal entnervt zu, aber auch oft nur um den Fisch zu töten aber nicht zu fressen.


    Nun, da die Welse aktiv sind weil es einen Wasseranstieg gab war ich sehr aufgekratzt.


    Aber es war vorbei, die erste Nacht kam kein Biss, bei niemanden…

    Auch die zweite und dritte Nacht ergaben eine Nullnummer und auch am Tag gab es keine Aktionen, hatte ich die Köder doch 24 Stunden im Wasser und viele Bisse tagsüber kommen.


    Das war das Wochenende wo es das erste mal in den Bergen geschneit hatte. Es kam Eiswasser den Po herunter….

    Das Wasser ist von 24 auf 16 Grad gefallen und das ist der Tot für jede Hoffnung das die Welse fressen könnten.


    Am dritten Tag kam leichte Frustration auf, egal auf welchem Platz ich die Köder präsentierte, es war nichts zu machen.

    Am vierten Tag kam etwas Leben ins Wasser, offenbar haben sich die Fische ein wenig an die neuen Temperaturen gewöhnt, Karpfen gingen auf und die ersten Rapfen raubten wieder, das ließ mich hoffen.


    Und tatsächlich, mitten in der Nacht ging die Rute krumm und ich hetzte ins kleine Beiboot um zu drillen.


    Das hätte ich mir sparen können, denn der Fisch hatte gerade mal 120cm.

    Geradezu verächtlich, ohne Foto ließ ich den kleinen Racker wider schwimmen.

    Soviel Aufwand für den Kleinen, neuen Stein binden, Köder rausholen, mit dem Beiboot hinausfahren in die dunkle Nacht und dann mit dem Echolot genau die richtige Kante suchen um die Montage punktgenau zu legen…

    Nach einer halben Stunde war ich wieder in meiner kuscheligen Liege und genoss die Laute der Nacht die in Italien immer sehr eindringlich sind.


    Die Nacht tat sich nichts mehr und morgens startete ich den nächsten Platzwechsel.


    Ich wollte in ein mir neues Gebiet und dort angekommen untersuchte ich den Platz mal mit dem Echo.


    Unglaubliche Unterwasserberge und Löcher gab es da, sehr viel Holz im Wasser und zwei ganze versunkene Bäume.


    Hier stank es förmlich nach dem großen Waller, aber da alleine einen Fisch heraus bringen ist ein Ding der Unmöglichkeit dachte ich.


    Ich versuchte Köderfische zu fangen. Hier bin ich immer darauf aus, die großen Brachsen zu bekommen.

    Brachsen mit 50 oder 60 cm sind meine liebsten Köder, sie üben einen sehr starken Reiz auf die Welse aus denn sie gehören zu ihrer Hauptnahrung.


    Ich hatte das unglaubliche Glück zwei dieser Kaliber zu erwischen, eine sehr schwierige Sache am Po, denn die eingeschleppten, invasiven Katzenwelse sind fast immer die Ersten am Köder.


    Ich bezog einen Platz an dem ich mir gute Chancen ausrechnete den Fisch der beißen sollte doch zu bekommen.


    Zwei Ruten stromab,

    eine stromauf gespannt.


    Die obere hinter einer kleinen Kehre in 3 Metern Tiefe, ganau an die Kante gelegt.


    Ich kochte mir gerade mein Abendessen als urplötzlich die Reißleine knallte und die Rute gerade im Ständer stand. Schnell nahm ich Kontakt auf, kurbelte die lose Schnur ein und setzte einen brachialen Anhieb, denn es war die Brachse mit 60cm die am Haken hing.


    Ich schlug in Beton aber im nächsten Augenblick war der Wiederstand weg.

    Zum Vorschein kam eine tote, völlig zerquetschte Brachse und ich wusste es war ein guter Fisch der nicht hängen blieb.


    Man wartet vier Tage und Nächte auf diesen einen Biss und dann versaut man ihn. Ich hätte heulen können, aber genau das sind leider eben oft nur Aggressionsbisse, wo der Wels den Köder gar nicht fressen will und ihn schnell wieder auslässt.


    Noch hatte ich eine meiner guten Brachsen, legte diese an genau die gleiche Stelle in der Hoffnung der Fisch nimmt noch einmal.


    Punkt Mitternacht ging die Reißleine, in Socken und völlig schlaftrunken nahm ich die Rute und schlug an.

    Was dann folgte war mir bisher unbekannt.

    In unfassbarer Geschwindigkeit riss mir der Fisch aus der fast völlig zugedrehten Bremse stromauf die Schnur von der Rolle.

    Die 0.60er Schnur und die schwere Welsrute waren an ihrer Grenze. Nicht mal 30 Sekunden nach der Flucht merkte ich schon dass der Fisch in Holz gegangen war.


    Solche Fische bekommt man nicht mehr raus war meine Erfahrung also abreißen dachte ich mir.


    Nein, nicht ohne es versucht zu haben, also rein ins Beiboot und hinauf gefahren wo der Fisch im Holz steckt.

    Nach längerem hin und her wobei ich den fisch nicht mehr spürte geht es auf einemal „pinggg“ und die Schnur war frei. Direkt hatte ich wieder Kontakt zum Fisch, was dieser mit der nächsten urbrutalen Flucht, diesmal stromab quittierte. Es schleuderte mich im kleinen Schlauchboot herum, ich stürzte rücklinks auf den Motor, dann ins Boot. Der Schaft wurde dabei auf Vollgas gedrückt und nun fuhr das Boot wild mit Vollgas im Kreis, ich am Rücken liegend die Rute in der Hand nicht fähig den Gashebel zu erreichen.


    Nach einigen Sekunden konnte ich mich aber wieder aufrichten und erreichte den Notstopp.

    Überall blau und blutig geschlagen hatte ich immer noch die Rute in der Hand, nahm Kontakt auf, aber da ich mich in voller Strömung befand war das Boot schnell abgetrieben und der Fisch bereits in dem großen Baum der da im Wasser lag festgesetzt.


    Also wieder hochfahren und erneut versuchen den Fisch raus zu bekommen. Der Baum war riesig und niemals dachte ich das der Fisch da heraus zu bekommen wäre.

    Ich fuhr rauf und runter, links und rechts aber es war nichts zu machen.


    Doch urplötzlich, völlig unerwartet ging es wieder „pinnng“ und die Schnur war frei.

    Wieviel Glück kann ein Mensch haben dachte ich, machte die Bremse völlig zu und nahm den Fisch mit einer Brachialgewalt wie ich es noch nie zuvor getan hatte.

    Ich dachte nur entweder das Gerät und der Haken hält, oder nicht, aber noch einmal lass ich dich nicht in das Geäst.


    Der Fisch tobte wie ein Verrückter nur drei Meter unter dem Boot, gerade so viel wie das Vorfach lange ist.


    Aber seine Kraft wurde schwächer und nach einer Weile konnte ich das Vorfach greifen.

    Der Schädel war enorm, ich hatte schon Welse über 220cm, aber das war eine andere Nummer.

    Ich griff zum Maul um ihn mit dem Wallergriff zu nehmen, doch kaum war der Finger in der Nähe des Maules biss er zu und mein Daumen platzte auf dabei. Unfassbar diese Bisskraft.

    Doch der nächste Versuch gelang und ich konnte beide Hände ins Maul setzten und zog den Fisch ins kleine Schlauchi, welches mit der Länge des Fisches etwas überfordert war.


    Ich war sprachlos, völlig erledigt blickte ich im Schein der Lampe auf dieses Urvieh.


    Was hat mich dieser Fisch gekostet, alles tat mir weh aber ich war überglücklich und der Fisch war mein.


    Ich brauste zurück zum Hauptboot, denn ich war weit abgetrieben. Den Fisch aus dem Schlauchboot wieder hinaus zu bekommen war weit schwieriger als hinein, aber auch das ging gut.


    Ich konnte die Nacht keine Minute mehr schlafen, immer wieder die gleichen Bilder im Kopf, das Blut voll mit Adrenalin.


    Am nächsten Tag kamen der Campbetreiber und sein Guide hoch um den Fisch mit mir abzulichten und zu vermessen.


    Nach all den Tagen ohne Aktion lag er jetzt vor mir, ein wunderschönes Tier.

    Das Messen ergab 240cm genau, ich war überwältigt.


    Nach einer ausgiebigen Fotosession tauchte er in die braunen Fluten hinab.


    Die ganze Woche wurde kaum etwas gefangen am ganzen Fluss, auch in unserem Camp wurde nur noch ein schöner Fisch gelandet.

    Die Welse spürten genau, das die nächste Woche Hochwasser kommen wird und die Fischer am Po fangen sich diese Woche dumm und dämlich denn der Fluss hatte in 2 Tagen 8 Meter !! Anstieg.


    Aber so ist angeln, ich hatte meinen Lebensfisch und war glücklich dieses besondere Erlebnis gehabt zu haben.










         

  • Servus Gernot,


    was für eine mitreissende Geschichte zum Fang deines Lebensfisches b-;b-;b-;


    der Spruch "ich war mittendrin und nicht nur dabei" ist bei deiner enthusiastischen Erzählung deines Fangerlebnisses mehr als zutreffend ... deine Freude über den Fang ist nicht zu übersehen ... auch kein Wunder bei so einem Riesen Exemplar ... Respekt!


    Glückwunsch und dickes Petri zu diesem Erlebnis und zum Lebensfisch !


    d-;p-:

    LG
    Reinhard


    "Wenn der Lebensraum ausreichend ist, dann wächst jedes Jahr zu, und wenn man das mäßig und bescheiden nutzen will, dann reicht das."


    Stefan Guttmann

  • Alteeeeer, was für Ein Fisch! Dickes Petri erstmal! g:-

    Und der Bericht wird dem Fisch und dem gesamten Erlebnis sehr gerecht. Top, Danke für's Einstellen! §!

    Ich stell mir das Ganze so "oag" vor - von den nächtlichen Bootsfahrten bis hin zu den Kräften die da auf Körper und Verstand wirken. Echt brutal.

    Aber genial dass du ihn raus bekommen hast, herzlichen Glückwunsch nochmal!

  • Petri zum Lebensfisch §$ !!! Und zum Bericht wurde schon alles gesagt §$! Mehr als mitreißend zu lesen da ist man live dabei §$ ! Das Fazit für mich ich möchte niemals so ein Teil an der Leine haben ! Das überlasse ich so Profis wie Dir b-; !! Respekt und mfg. Tony

  • WTF, was für ein packender Bericht - unfassbar eigentlich dass du das alleine durchgezogen hast! Respekt! Bin mir fast sicher, dass die Schwimmweste im Zelt geblieben ist, als der Biss kam, also hattest du wohl mehrere Schutzengel auf deiner Seite.


    Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Po ein ganz gefährliches Pflaster ist, den schon viele unterschätzt haben.

    Du bist natürlich Vollprofi aber das ist schon Hardcore (Stefan Seuß like....)


    Hochverdient ist der Fisch natürlich allemal, keine Frage! Fettes Schleimerpetri zu diesem Ausnahmefisch!

  • Vielen Dank Freunde,


    ja im nahhinein denke ich auch das ich echt Glück hatte.

    Ich hätte auch aus dem Schlauchboot rausfallen können bei dem Sturz, bei laufenden Motor und Nachts eine hagliche Gschicht...


    Und ja es stimmt Toni, dort hat es schon einige gegeben die nimmer aus dem Urlaub zurück gekommen sind, ich werde daraus lernen und nächstes mal noch viel vorsichtiger sein.


    Trotzdem wird mir dieses Erlebnis immer in Erinnerung bleiben. Ob der Fisch zu toppen ist?


    Es wird schwer, aber möglich ist es allemal...:):P

  • Gigantisch =O Prosit dazu p-:



    auch ich reihe mich bei denjenigen ein denen so ein Urvieh lieber erspart bleibt, ich mags ned wenn der Fisch um eine gute Hechtenlänge grösser ist als ich ;) gut so einen kleinen Wels, wie du ihn Beschreibst, würde ich mir dennoch ganz gerne mal ansehen...