Zurück in die Zukunft

  • Das ganze Jahr über hat’s schon so in der Seele gezogen.

    Ein intensives Gefühl nach Berge sehen, Waldluft einatmen und türkisem Wasser mit blitzblanken Regenbogenforellen drin.

    Mein ehemaliges Heimatgewässer, die Enns, habe ich dieses Jahr irgendwie mehr vermisst als in anderen Jahren.

    Nur konnt ich mich halt nicht aufraffen, die Projekte rund ums Haus, Veränderungen in der Arbeit und nicht zuletzt die sehr zaache Gesundheit hatten mich fest im Griff.


    Wie so eine kleine Himmelsbotschaft bekomm ich dann eine PN, dass Reinhard und Atzi gerne besagtes Revier unsicher machen würden, und ob ich auch Zeit hätte.

    Besagte Baustelle zuhause hat mir dann jedoch den Strich durch die Rechnung gemacht. Bin zum ersten Mal im Leben Bobcat gefahren – allerdings gleich den ganzen Tag – das war in meiner Verfassung dann doch bisl zu viel und ich brauchte 3 Tage Erholung. :sleeping:

    Die Tageskarte hatte ich mir aber schon besorgt. Also liegt die in der Schublade vom Schreibtisch. Jedes Mal wenn ich diese aufmache, blitzt mich die Lizenz an. Irgendwann reichts mir und ich denk mir, scheiß drauf, morgen Früh fahrst einfach spontan hin. Für einen Kumpel wär das eh zu spät, also alleine. Nur bin ich entsprechend meiner Verfassung nicht recht happy gewesen alleine fahren zu müssen, die Enns ist kein kleines Wasser und da kann man auch sein Leben aushauchen, wenn man sich blöd anstellt oder der Kreislauf im falschen Moment kippt.

    Wurscht, und wenns das letzte Mal ist – Türkis muss her. ;)

    Am Abend noch schnell das Zeug entstaubt. Die Streamerbox das Gegenteil von voll, die zerfledderten oder missratenen Modelle, die entweder zu viel oder nie im Einsatz waren sind der Restbestand. Auch egal, ich muss ans Wasser. g:-


    In der Früh gings erst spät los, aber mehr als ein paar Stunden Enns-Workout schaff ich eh nicht – es ist ja eine ziemliche Kraxelei. Ich nehm den Weg hinten rum, und fahr durch die Gegend rund um den Lunzer-See. Alleine der Anblick der Berge lässt das Herz einerseits weit, aber auch bisl schwer werden.

    Nach 2:20 h Fahrt dann endlich am Ziel.

    Aufgrund der relativ begrenzten Zeit kann ich mir nur 2 bis max. 3 Spots aussuchen.

    Das Revier beinhaltet eine Klamm an deren Ende ein sehr sehr großer Pool liegt, den ich auch bei meinem ersten Besuch in dem Revier, ich denke es war 2011, befischt hab. Er hat mir damals prompt eine 50er Forelle beschert, was mich natürlich auch ordentlich angefixt hat…

    Der letzte Besuch ist doch schon ein paar Jahre her und teilweise hat sich der Wald stark verändert. Unten am Fluss dann ein vertrautes, aber doch verändertes Bild. Die Hochwässer bearbeiten den Fluss jedes Jahr aufs neue – der Pool ist größer als je zuvor. Die Futterspur 30 m vom Ufer, kein Rückraum zum Werfen.. ||

    Ein paar Momente innehalten, dann aber kommt der Forellengeier in mir hoch und der Jagdtrieb fährt ein.

    Ich sehe die ersten Fische. Wie geil – auf Sicht anwerfen, das war immer meine Droge beim Fliegenfischen. :)

    ... Leider bemerke ich in der nächsten viertel Stunde, dass ich gar nichts mehr kann oder die Fische alles besser wissen als ich.

    Ich probiere es noch etwas halbherzig, dann setz ich mich einfach hin und genieße den Ort… ein Privileg, heute hier sitzen zu dürfen. Mir fällt wieder ein, dass man alles was nicht gleich klappt mit Ruhe entwaffnen kann, chille ein wenig und mache mich dann ohne es nochmal zu probieren auf den Weg zum nächsten Platzl. Die Fische lass ich einfach da wo sie sind und freu mich dass es sie gibt.



    Eine Fahlentscheidung war dann allerdings, in dieser ganzen Easyness, den Spot weiter stromab – eine schnelle Rieselstrecke die dann komprimiert in einen elendslangen Pool mündet – zu Fuß statt mit dem Auto anzusteuern. Im Grunde waren die nächsten 2 Stunden kaum Fischen sondern mehr Parcours – also Kraxeln aufs Heftigste, in der recht unästhetischen Variante mit Watzeugl an.

    Dort hatte ich zwar einen Biss von einem kleineren Fisch, der mir aber auch abkam, also brachte ich meinen Leib mehr tot als lebendig wieder zurück ins Auto – kopfschüttelnd darüber, wie sehr ich mich doch so überschätzen konnte. Achja, die „heiligen“ Gedanken von vorhin waren schuld… X(;)



    Leicht zittrig bleibt mir also nur noch Fischen für Ennstouristen. Der Bahnhof-Spot muss her. ;)

    Sogar ein paar neue Stufen hat der Pächter errichten lassen, perfekt. Angekommen fischt auf der gegenüberliegenden Seite eine Dame, fängt auch was, ein gutes Zeichen.

    In der schönsten Nachmittagssonne seh ich im klaren Wasser einige Fische wild hin und her schießen. Eine schon mehrmals Erfolg bringende Nymphe wird angeknüpft. Nur wenige Drifts später der Einschlag, und in typischer Ennsforellenmanier schraubt sich der Fisch alle 3 m aus dem Wasser um wild kopfschüttelnd das elende Scheißviech das ihn da soeben im Maulwinkel gepierct hat loszuwerden. Adrenalin und Glücksgefühle schießen ein, der Torpedo wird gelandet und anschließend wieder entlassen.

    Sehr geil, aber da geht noch mehr – also nochmal probiert und siehe da, mehr Widerstand, noch wildere Sprünge – Misson erfüllt. Der Fisch hat ein schönes Mittelmaß und kommt mit nach Hause.



    Ich war auf jeden Fall wieder auf Touren. Gleich schlug wieder der Größenwahn zu, da geht noch mehr. Also wieder über scharfkantige Wurfsteine gekraxelt, auf Richtung obere Staumauer.

    Obwohl ich auf dem Weg dorthin noch einige Fische fangen konnte, hat es mich auf den rutschigen Felsen einmal so richtig schön hingeschmissen. Die Stelle an der linken Hand tut mir sogar heute, mehr als ein Monat später noch bisl weh, Glück im Unglück, dass ich mir nichts gebrochen habe. Kurz darauf wäre ich um ein Haar noch 3 oder mehr Meter abgestürzt, was wohl endgültig unlustig gewesen wäre, aber irgendwie konnte ich mich wie ein Zirkusafferl noch fangen.



    Die Staumauer weiter oben war leider ein eher einschüchternder Anblick. Ein Teil war geöffnet und gewaltige Wassermassen donnerten runter. Ich drehte gleich wieder um – und ja was soll ich sagen – ich habs halt zum 2. Mal an diesem Tag übertrieben. Die Sonne war weg, es wurde finster – kalt, nass, lädiert und mit wackeligen Knien hab ich mich noch zum Auto geschleppt. Nur eine Burger-Mahlzeit und eine voll aufgedrehte Sitzheizung haben mich gerettet. :)



    Das war’s dann auch, ähnlich wie beim Bobcatfahren brauchte ich an die 3 Tage Erholung… :D

    Und wieso heißt der Bericht „Zurück in die Zukunft“?… für mich war es eine Reise zurück in die Vergangenheit, aber auch in die Zukunft – denn die Fischgeilheit ist wieder hell aufgeflammt – keine Riesenfische aber sooo schön, und da KÖNNTE noch mehr gehen,… und ich MUSS wieder hin. :)

  • Super David. Endlich wieder Enns-Gott. Ich hab mir dort immer die Zähne ausgebissen. Schön, dass du dich mal wieder aufraffen konntest

    und ich hoffe es folgen ncoh weitere Trips. Wenns zeitlich geht, dann bin ich mit Strapsenwerner wieder dabei.


    liebe Grüße


    Jan

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    Was für ein Highlight von einem Bericht - könnt mit den Photos ein Artikel im "The Drake Fly Fishing Magazine" sein - SUPER!!!




    Wenn Lust hast, könnten wir nächstes Jahr ja mal gemeinsam an die Enns fahren!? Du bringst die Gewässerkenntnis, ich den Flux Capacitor! (nach den anderen die bereits in der Schlange stehen)

  • Super Marty McFly...ähhh David....schön das du es wieder mal geschafft hast (du hast ja berichtet beim Treffen). Hoffe du hast die Zukunft nicht verändert...sonst siehst du dich selbst fischen....;). War Dein Auto zufälligerweise ein DeLorean DMC????:lach:.

    Die Enns hätte ich 2020 auch am Zettel....wennst willst können wir das Zeitkontinuum etwas verändern....:O


    Übrigens cooler Bericht und tolle Fotos

  • Super geiler Bericht David. Ich wär fast mitgekraxelt so wie du geschrieben hast. Wollte ja eigentlich auch mit dem Atzi an die Enns, hat uns aber das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Petri zu den Fängen. Wünsch dir dass es nächstes mal noch besser geht!


    LG

    Karl

  • Danke euch herzlich fürs liebe Feedback! :)


    ubik : Ja das wär was, so ein geiles Strapsen-Revival. §$ Voll gern. Dass das schon 8 Jahre her ist, hat mich übrigens auch erschreckt - oag wie die Zeit vergeht.


    @gerhard: auf jeden Fall gern, Master Caster in der Mission Schluchtenimpossible quasi ;)… dort gibt's einige Stellen wo ich als dilettantischer Werfer sehr in meine Grenzen verwiesen werde. Bin neugierig wie's dir dort geht. §!


    @Mike: Der DeLorean wär rein optisch natürlich schon spitze... Leider eine Spuuur zu teuer als Fischerauto. ;) Freu mich wenn sichs ausgeht, sehr gerne auch das "neue" Revier, das kenn ich noch nicht.

  • Servas David,


    was für ein epochal schöner Bericht von deinem Angeltag an der Enns ... man merkt richtig welche Emotionen dieses Wasser in dir weckt und welche Bindung du zu dem Fischwasser hast §!


    wenn schon "verrecken" dann mit Stil und an/in der Enns ;) ... ich hatte ja schon mal die Ehre mit dem "Ennsgott" eine Klettertour rund um die Spots zu machen ... wenn die Bedingungen passen ein wirklich tolles und auch optisch grenzgeniales Wasser ... dickes p-:zu den Fängen


    @ Mike: kein DeLorean ... aber auch in einem 3er BMW ist ein "Fluxkompensator mit die blaue Licht" schon Serienausstattung §$


    @ all: das Revier muss man auf jeden Fall als FliFi mal befischt haben ... auch das neue Revier ist sehr OK, wenn gleich etwas überschaubarer

    LG
    Reinhard


    "Wenn der Lebensraum ausreichend ist, dann wächst jedes Jahr zu, und wenn man das mäßig und bescheiden nutzen will, dann reicht das."


    Stefan Guttmann

  • So ein super Bericht von so einem klassen Revier, da kommen viele Erinnerungen hoch. Das angeln dort ist schon anstrengend, vor allem wenn der Kollege den Schlüssel fürs vorsorglich abgestellte Shuttelauto ghenialer weise im flussaufwärts geparkten Auto gelagert hat und nicht eingesteckt......

  • Vielen lieben Dank erstmal fürs "Mitnehmen" und sensibilisieren... Wer kennt das nicht... Länger nicht am Wasser, dann Bedingungen die einem alles abverlangen (Kein Rückraum, Futterspur weit weg) Konnte mich sehr gut hineinfühlen.

    Deine Worte bzgl. chilliger Entwaffnung nehme ich gern für mich mit.


    Es freut mich für dich, dass du dann doch noch deine Fische fangen konntest und dieser Tag, der dich viel Überwindung und Energie gekostet hat, mindestens gleich viel wieder retour gegeben hat.


    lg & petri

  • Super David, was für ein toller Erlebnisbericht von deinem Ex-Wasser.

    Traumhafte Eindrücke, ich bin ganz bei Reinhard, als FliFi muss das mal befischt haben, obwohl man sich dort auch ganz gut die Zähne ausbeißen kann.;);)

    "If I'm not going to catch anything, then I 'd rather not catch anything on flies"

    -Bob Lawless

  • Ein großartiger Bericht mit besonders viel Leidenschaft!

    Super geschrieben, bildlich traumhaft untermalt.


    Das war dem Vernehmen nach ja allerhöchste Not an der Zeit, dass wieder da fischen warst.

    Hirn und Seele freifischen vom allerfeinsten.

    §!

    Jetzt soll dich der Forellengeier bloß nicht mehr loslassen.

    Sofern ein offenes Wasser hast, ran an den Fisch!



    Schönen Gruß

  • Danke Jungs für die vielen netten Antworten!


    @Gernot: Jaaa, das war was. :) Wobei es dich glaub ich um ein Vielfaches mehr geärgert hat als mich. Da war ich ja noch gut zu Fuß! :D


    da_cesa : Besonderen Dank für deine Zeilen g:- die es sehr gut wiedergeben um was es ging. Ich konnte früher jedenfalls nicht einfach nur Sitzen und die Fische Fisch sein lassen. Es geht halt darum, dass einem der eigene Zustand oft erst die Demut lehrt. Und an dem Tag hatte ich viele Auf- und Ab's was das betrifft. Von gar nicht demütig bis sehr. :D